Eine wichtige europäische Inspirationsquelle für den Lebenstanz ist das in vielen ländlichen Gegenden Mitteleuropas erhalten gebliebene alljährliche Ritual des Mai-Baum-Aufstellens und des Maitanzes.

„Als Maibaum wird ein geschmückter Baum oder Baumstamm bezeichnet. Dieser wird nach altem Brauch je nach Region entweder am 1. Mai oder auch schon am Vorabend zum 1. Mai aufgestellt. In vielen Gegenden, besonders in Baden-Württemberg, Bayern und Österreich, wird der Baumstamm feierlich auf dem Dorfplatz aufgerichtet.

Der Baum wird am oberen Ende zumeist von einem Kranz und der grünen Baumspitze gekrönt. Dieser wird entweder jedes Jahr neu gefällt oder es findet über mehrere Jahre hinweg derselbe Stamm Verwendung, bei dem dann lediglich die Krone ausgetauscht wird.

Entstehung & Entwicklung

Die Herkunft des Maibaums und dessen Brauchtum ist umstritten. Vermutlich liegt sein Ursprung bereits bei den alten Germanen und deren Verehrung diverser Waldgottheiten. In diesem Zusammenhang muss auch die von den Germanen verehrte Donareiche erwähnt werden, die dem Gott Donar bzw. Thor geweiht war und bei Geismar (Nordhessen) stand. Sie wurde der Legende nach vom hl. Bonfatius gefällt.

Wie mit vielen heidnischen Bräuchen geschehen, vermischte sich beim Maibaum im Laufe der Jahrhunderte heidnisches mit christlichem Brauchtum…Die heutige Form des Maibaums, ein hoher Stamm mit belassener grüner Spitze und Kranz, ist seit dem 16. Jahrhundert überliefert. Ab dem 19. Jahrhundert kam er dann auch als Ortsmaibaum für die selbstständigen Gemeinden auf, auch als Zeichen ihres Selbstbewusstseins. Im Laufe der Zeit ist aber ein stark lokales Brauchtum entstanden, welches sich oft schon von Dorf zu Dorf erheblich unterscheidet.“

Zitat aus: VIVAT

Maibaum Aufstellen im Dorf Lübnitz

An Pfingsten 2005 war es Aufgabe der Hofgemeinschaft, den riesigen Kranz für den Maibaum mit grünem Laub und bunten Bändern zu flechten, während die Männer von der freiwilligen Feuerwehr sich um Beschaffung des Baumes und den technisch-praktischen Prozess des Aufstellens kümmerten.

Vor dem Hintergrund einer jahrtausende alten bäuerlichen Lebenswelt galt es, die Fruchtbarkeit der Erde und den Neubeginn allen Lebens im Monat Mai zu ehren und zu feiern. In seiner heutigen Form ist die ursprüngliche spirituelle Essenz dieses Rituals allerdings kaum noch spürbar, da meistens keine Tänze um den Baum mehr stattfinden und die Festivitäten oft auf Bier trinken und Würstchen essen beschränkt bleiben – so auch im Dorf Lübnitz. Immerhin ergaben sich mit einigen Interessierten Gespräche zum Thema Symbolik und Überlieferung des Maibaum – Aufstellens…

Beltane-Riten in der Hofgemeinschaft Lübnitz

Einige Menschen aus der Hofgemeinschaft Lübnitz und in der Region Belzig hatten sich Anfang der 2000er Jahre zusammengetan, um ein Maifest nach dem Vorbild der Riten wie sie von Marion Zimmer Bradly „Die Nebel von Avalon“ beschrieben sind, wieder zu beleben. Vor dem Hintergrund der freizügigen Ideen des ZEGG waren bei diesen Feierlichkeiten auch die erotisch-sexuelle Begegnungen nicht ausgeschlosssen. Wurzelnd in uralten keltischen Brauch der Beltane-Riten, ( ein Fest des Jahreskreises in der Nacht vor dem 1. Mai) war sollte hier die Feier der Verbindung des Männlichen und Weiblichen und die Erneuerung des Fruchtbarkeitszyklus im Frühling wieder belebt werden.

Die Teilnehmer/innen am Beltane Fest trafen sich bereits am Nachmittag des 30. April in je einem Frauen – bzw. Männerkreis. Jeder Kreis „fand“ eine Hohe Priesterin, bzw. den „Hirschgott“ die/der energetisch bereit war/en , die weibliche bzw. männliche Hauptrolle zu übernehmen. Während die Männer weiter entfernt vom Festplatz im „Busch“ sich versammelten und vorbereiteten, blieben die FRauen am Platz, verkleideneten sich, bemalten ihre Gesichter und/oder fertigten Masken an. Zu einem bestimmt Zeitpunkt kamen die Männer zum Platz, baten mit rituellen Worten der Achtsamkeit um Einlass und wurden vom Frauenkreis willkommen geheißen.

Dann folgte ein Kreis-Ritual der gegenseitigen Wertschätzung zwischen Männern und Frauen. Das „amtierende“ Beltanepaar des Vorjahres führte nach einer Weile die beiden „neuen“ Anwärter des „Heiligen Paares“ zusammen und ermutigte sie, mit dem vorab von den Männern frisch geschnittenem Stab und dem im Frauenkreis angefertigtem Kranz zu tanzen, bis zur symbolischen Vereinigung…Anschließend wurde in der gesamten Festgemeinschaft ausgiebig getanzt und gefeiert bis tief in die Nacht.

Am nächsten Tag, dem 1. Mai, kamen Männer, Frauen und Kinder aus der Region noch einmal zusammen, um den traditionellen Bändertanz miteinander zu tanzen. Mit diesem heiteren Familientreffen endeten diese uralt-modernen Maifeierlichkeiten.

Was Maibaum-Ritual und Indianischer Sonnentanz miteinander zu tun haben

Wie im indianischen Sonnentanz der aufgerichtete „Heilige Baum“ für die spirituelle Ausrichtung, d.h. die geistige Verbindung ( männliche Kraft ) mit der Sonnenkraft steht, so symbolisiert der ihn umfangende Tanzkreis – der begrenzt wird von auf der Erde angeordneten kleineren Bäumen und Büschen oder Stecken – den Heiligen Gebärraum ( weibliche Kraft ), die „Hütte“ in der sich das „Volk“ versammelt, um zu tanzen, zu trommeln und zu singen, die „Heiligen Pfeifen“ zu rauchen, tiefe Erfahrungen zu durchleben und Heilung zu finden. Während der Zeremonie können die Menschen in diesem Raum Teil des Ganzen werden.

Auch der europäische Maibaum zeigt mit dieser Symbolik des Stammes (meist ein großer Fichtenbaum, an den eine kleine Birke befestigt wird und der für den männlichen Aspekt steht ) und dem darum gewundenen und mit Bändern geschmückten Kranz, der das Weibliche symbolisiert, die Verbindung dieser beiden schöpferischen Urkräfte der Natur.

Der Europäische Mai-Baum hat sich allerdings vom Baum, der in der „Hütte“ steht, weit entfernt: ist der weibliche Teil doch ein im wahrsten Sinne des Wortes abgehobenes Anhängsel eines überdimensionalen und ausgedünnten „Phallus“ geworden und hängt wurzellos und ohne Verbindung zur Erde „in der Luft“. Dieses Bild spiegelt auf eindringliche Weise den markanten Unterschied zwischen dem alten Erdritual des Sonnentanzes und der eher vergeistigten, zum Symbol geschrumpften europäischen Variante des Fruchtbarkeitstanzes um den Maibaum.

Eine wesentliche Absicht des Lebenstanzes ist es, den „Weiblichen Raum“ um den Maibaum herum wieder auf die Erde zurück zu holen und mit Leben zu erfüllen,

Das Männliche und Weibliche soll in ein auf einander abgestimmtes, harmonisches Größenverhältnis zurück gebracht werden und miteinander schwingen. Überhaupt sollte die Balancierung dieser beiden schöpferischen Kräfte in unseren Handlungen und in jeder Person ( egal ob männlich oder weiblich ) eine wesentliche und tägliche Achtsamkeitsübung sein.

Unsere Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Gemeinschaft

Viele Menschen sind auf der Suche nach mehr Verbindung mit der Natur, gesundem und einfachem Leben fern der Konsumgesellschaft, Spiritualiät und Gemeinschaft. Alle diese Aspekte – und vieles mehr – werden in einem zeremoniellen Lebenstanzcamp lebendig erfahrbar.