Europäische Wurzeln des Lebenstanzes

Neben der Erinnerung und Wiederbelebung europäischer Traditionen sind für die Entstehung des Lebenstanzes v.a. die Erfahrungen bedeutsam, die einige von uns bei Sonnentänzen (der Lakota und Blackfoot) gemacht haben. Diese inspirierten uns zur Großen Form des Lebenstanzes: auch wir tanzen in Angesicht des Lebensbaumes zur originaler Trommelmusik mehrere Tage und Nächte unter freiem Himmel auf einem besonders dafür vorbereiteten Platz. Und wir orientieren uns an den bewährten Regeln des Umgangs mit den dadurch frei werdenden Energien, wie sie die Natives seit Jahrhunderten in ihren Ritualen bis heute anwenden.

Wir möchten mit dem Lebenstanz eine Zeremonie schaffen, in der „indianische“ und „europäische“ Elemente zu einem neuen Ganzen verschmolzen werden. In Respekt für und in Abgrenzung von der Form und Essenz der Sonnentänze der Nordamerikanischen Natives soll diese Zeremonie LEBENSTANZ genannt werden.

Der „Keltische“ Jahreskreis

Der Lebenstanz versteht sich als eine Wiederbelebung einer alten Tradition des europäischen Kulturkreises, der Jahreskreisfeste. Diese wurden zur Winter -und Sommersonnenwende und der Äquinoxien (Tag und Nacht Gleiche, d.h. zu Frühlings- und Herbstanfang) gefeiert und erfreuen sich in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit.

Im Reigen der ländlichen Jahreskreis-Feste ist der die Sommerzeremonie, erfolgt von drei weiteren zeremoniellen Treffen – nämlich im Herbst, Winter und Frühling, die in ersten Konturen bereits stattgefunden haben.

Die Größte dieser Zeremonien, der sommerliche Lebenstanz (Juni/Juli) feiert im Sinne der alten Sommersonnwend-Bräuche zum höchsten Sonnenstand die Fülle des Lebens, die Wachstumskräfte, die Schönheit des Hochsommers.und die Magie der Mondin in der Nacht.

Die Herbstzeremonie ist dem Dank an Mutter Erde für die Ernte gewidmet, die Winterzeremonie ( im Dezember/ Januar) öffnet den Raum des Träumens, des Abschließens und des Neubeginnens. Die Frühlingszeremonie (März/April) erbittet den Segen von Mutter Erde für das Wachsen und Gedeihen von allen Wesen.

Fast vergessenes europäisches Fruchtbarkeitsritual: Der Tanz um den Maibaum

Eine weitere europäische Inspirationsquelle für den Lebenstanz ist das in vielen ländlichen Gegenden Mitteleuropas erhalten gebliebene alljährliche Ritual des Mai-Baum-Aufstellens. Wurzelnd in uralten germanischen und keltischen Bräuchen (wie z.B. der Beltane-Riten, ebenfalls ein Fest des Jahreskreises in der Nacht vor dem 1. Mai) lebt hier die Feier der Verbindung des Männlichen und Weiblichen im Wonnemonat Mai fort.

Vor dem Hintergrund einer jahrtausende alten bäuerlichen Lebenswelt galt es, die Fruchtbarkeit der Erde und den Neubeginn allen Lebens im Wonnemonat Mai zu ehren und zu feiern.

In seiner heutigen Form ist die ursprüngliche spirituelle Essenz dieses Rituals kaum noch spürbar, da meistens keine Tänze um den Baum mehr stattfinden und die Festivitäten oft auf Biersaufen und Würstchenessen beschränkt bleiben. Trotzdem ist die Symbolik deutlich: während der Stamm (meist ein großer Fichtenbaum, an den eine kleine Birke befestigt wird) für den männlichen Aspekt steht, symbolisiert der darum gewundene und mit Bändern geschmückte Kranz das Weibliche.

Die lebendige indianische Tradition des Sonnentanzes

Alle alten, naturverbundenen Kulturen kannten Rituale, um die lebenswichtige Kraft der Sonne zu feiern. Auf dem nordamerikanischen Kontinent kamen in jenen „Alten Tagen“ um die Zeit des höchsten Sonnenstandes die Abteilungen verschiedener indianischer Stämme zusammen, um zu jagen, Handel zu treiben, ihre sozialen Beziehungen wie Familientreffen, Hochzeiten, Namensgebungen etc. zu pflegen und um in einem mehrtägigen Ritual die Schöpfung und ihre geheimnisvollen, lebenserhaltenden Kräfte zu feiern

Eines der bekanntesten und größten Rituale dieser Art ist noch heute bei den Natives in Nordamerika und Kanada lebendig – der Sonnentanz. Durch mehrtägiges Tanzen und Fasten in der hochsommerlichen Hitze begeben sich die Tänzer in Trance, in der sie Visionen und Eingebungen erhalten können.

Was Indianischer Sonnentanz und europäisches Maibaum-Ritual miteinander zu tun haben

Wie im indianischen Sonnentanz der männliche, aufgerichtete „Heilige Baum“ für die spirituelle Ausrichtung, d.h. die geistige Verbindung mit dem Göttlichen steht, so symbolisiert der ihn umfangende Tanzkreis – der begrenzt wird von auf der Erde angeordneten kleineren Bäumen und Büschen oder Stecken – den Heiligen Weiblichen Gebärraum, die Hütte, in der sich das „Volk“ versammelt, um zu tanzen, zu trommeln und zu singen, die „Heiligen Pfeifen“ zu rauchen, tiefe Erfahrungen zu durchleben und Heilung zu finden. Während der Zeremonie können die Menschen in diesen Raum eintreten und Teil des Ganzen werden

Der Europäische Mai-Baum hat sich von diesem ursprünglichen Sinn weit entfernt: ist der weibliche Teil doch ein im wahrsten Sinne des Wortes abgehobenes Anhängsel eines überdimensionalen „Phallus“ geworden und hängt wurzellos und ohne Verbindung zur Erde „in der Luft“. Dieses Bild spiegelt auf eindringliche Weise unsere moderne Kultur.

Eine wesentliche Absicht des Lebenstanzes ist es, den „Weiblichen Raum“ um den Maibaum herum wieder auf die Erde zurück zu holen und mit Leben zu erfüllen, um sozusagen das Männliche und Weibliche wieder in ein auf einander abgestimmtes, harmonisches Größenverhältnis zurückzubringen.

Unsere Sehnsucht nach Ursprünglichkeit

Nach über 1000 Jahren römischer und christlicher Zivilisation haben wir Europäer die Rituale unserer vorchristlichen Vorfahren verloren und viele von uns suchen in außereuropäischen Kulturen eine neue geistige Heimat.

Betrachten wir die Zunahme des Interesses an spirituellem und kulturellem Austausch z.B. zwischen Europa und Amerikanischen Natives (beider Amerika) in den letzten 30 Jahren, dann wird deutlich, dass hier längst eine Brücke aus Schönheit und Heilung zwischen der Alten und der Neuen Welt entstanden ist.

Denn so wie viele von uns Europäern vom Alten Wissen der Amerikanischen Natives angezogen sind und wir uns auf den Weg gemacht haben, um damit in Kontakt zu kommen, so gibt es auch viele indianische Medizinleute der verschiedensten Stämme, die durch Visionen in den letzten 30 Jahren nach Europa gerufen worden sind, um ihr Wissen und ihre Zeremonien (vorrangig Schwitzhütten und Visionssuche) nach Europa zu bringen.

Sie haben hier viele Menschen erreicht, die sich tief auf das lebendige Erdwissen eingelassen haben. Etliche Europäer fliegen inzwischen im Sommer in die USA und Kanada, um dort an traditionellen „originalen“ Sonnentänzen teilzunehmen oder sie besuchen einen der unten genannten Großen Tänze in Europa.

Für alle unsere Verwandten und für unsere Nachkommen bis in die siebente Generation!