Der Tanz um den Maibaum

Eine wichtige europäische Inspirationsquelle für den Lebenstanz ist das in vielen ländlichen Gegenden Mitteleuropas erhalten gebliebene alljährliche Ritual des Mai-Baum-Aufstellens. Wurzelnd in uralten germanischen und keltischen Bräuchen (wie z.B. der Beltane-Riten, ebenfalls ein Fest des Jahreskreises in der Nacht vor dem 1. Mai) lebt hier die Feier der Verbindung des Männlichen und Weiblichen im Wonnemonat Mai fort.

Vor dem Hintergrund einer jahrtausende alten bäuerlichen Lebenswelt galt es, die Fruchtbarkeit der Erde und den Neubeginn allen Lebens im Wonnemonat Mai zu ehren und zu feiern. In seiner heutigen Form ist die ursprüngliche spirituelle Essenz dieses Rituals kaum noch spürbar, da meistens keine Tänze um den Baum mehr stattfinden und die Festivitäten oft auf Biersaufen und Würstchenessen beschränkt bleiben. Trotzdem ist die Symbolik deutlich: während der Stamm (meist ein großer Fichtenbaum, an den eine kleine Birke befestigt wird) für den männlichen Aspekt steht, symbolisiert der darum gewundene und mit Bändern geschmückte Kranz das Weibliche.

Die lebendige indianische Tradition des Sonnentanzes

Alle alten, naturverbundenen Kulturen kannten Rituale, um die lebenswichtige Kraft der Sonne zu feiern. Auf dem nordamerikanischen Kontinent kamen in jenen „Alten Tagen“ um die Zeit des höchsten Sonnenstandes die Abteilungen verschiedener Stammesgruppen zusammen, um gemeinsam (Büffel) zu jagen, Handel zu treiben, ihre sozialen Beziehungen wie Familientreffen, Hochzeiten, Namensgebungen etc. zu pflegen und um in einem mehrtägigen Ritual die Schöpfung und ihre geheimnisvollen, lebenserhaltenden Kräfte zu feiern

Eines der bekanntesten und größten Rituale dieser Art ist noch heute bei den Natives in Nordamerika und Kanada lebendig – der Sonnentanz. Durch mehrtägiges Tanzen und Fasten in der hochsommerlichen Hitze begeben sich die Tänzer in Trance, in der sie Visionen und Eingebungen erhalten können. Ihre Familien und Freund begleiten ihren Hl. Tanz im Außenkreis und halten das Camp in Gang.

Was Indianischer Sonnentanz und europäisches Maibaum-Ritual miteinander zu tun haben

Wie im indianischen Sonnentanz der männliche, aufgerichtete „Heilige Baum“ für die spirituelle Ausrichtung, d.h. die geistige Verbindung mit dem Göttlichen steht, so symbolisiert der ihn umfangende Tanzkreis – der begrenzt wird von auf der Erde angeordneten kleineren Bäumen und Büschen oder Stecken – den Heiligen Weiblichen Gebärraum, die Hütte, in der sich das „Volk“ versammelt, um zu tanzen, zu trommeln und zu singen, die „Heiligen Pfeifen“ zu rauchen, tiefe Erfahrungen zu durchleben und Heilung zu finden. Während der Zeremonie können die Menschen in diesen Raum eintreten und Teil des Ganzen werden

Der Europäische Mai-Baum hat sich von diesem ursprünglichen Sinn weit entfernt: ist der weibliche Teil doch ein im wahrsten Sinne des Wortes abgehobenes Anhängsel eines überdimensionalen „Phallus“ geworden und hängt wurzellos und ohne Verbindung zur Erde „in der Luft“. Dieses Bild spiegelt auf eindringliche Weise unsere moderne Kultur.

Eine wesentliche Absicht des Lebenstanzes ist es, den „Weiblichen Raum“ um den Maibaum herum wieder auf die Erde zurück zu holen und mit Leben zu erfüllen, um sozusagen das Männliche und Weibliche wieder in ein auf einander abgestimmtes, harmonisches Größenverhältnis zurückzubringen.

Unsere Sehnsucht nach Ursprünglichkeit

Nach über 1000 Jahren römischer und christlicher Zivilisation haben wir Europäer die Rituale unserer vorchristlichen Vorfahren verloren und viele von uns suchen in außereuropäischen Kulturen eine neue geistige Heimat. Betrachten wir die Zunahme des Interesses an spirituellem und kulturellem Austausch z.B. zwischen Europa und Amerikanischen Natives (beider Amerika) in den letzten 20 Jahren, dann wird deutlich, dass hier längst eine Brücke aus Schönheit und Heilung zwischen der Alten und der Neuen Welt entstanden ist.

Denn so wie viele von uns Europäern vom Alten Wissen der Amerikanischen Natives angezogen sind und wir uns auf den Weg gemacht haben, um damit in Kontakt zu kommen, so gibt es auch viele indianische Medizinleute der verschiedensten Stämme, die durch Visionen in den letzten 20 Jahren nach Europa gerufen worden sind, um ihr Wissen und ihre Zeremonien (vorrangig Schwitzhütten und Visionssuche) nach Europa zu bringen.